Mittwoch, 11. April 2012

S. Teresa: Die innere Burg – Castillo - 32

3.W.K.1.2. Es ist ein großes Elend, ein Leben zu fristen,6 in dem wir uns ständig wie Leute verhalten müssen, die ihre Feinde vor der Tür haben, so dass sie ohne Waffen nicht schlafen und nicht essen können, sondern immer mit dem Schreckgespenst, ob diese nicht irgendwo in die Festung einbrechen könnten.7 Ach, mein Herr und mein höchstes Gut! Willst du wirklich, dass man sich nach einem so erbärmlichen Leben sehnt, wo es doch gar nicht möglich ist, nicht immer zu wollen und zu bitten, dass du uns aus ihm herausholst, es sei denn, es besteht die Hoffnung, es für dich einzubüßen oder es wirklich ganz und gar in deinem Dienst zu verschwenden, und vor allem zu verstehen, dass das dein Wille ist? 8 Wenn es so ist, mein Gott, dann wollen wir mit dir sterben, wie der heilige Thomas sagte (Joh 11,16), denn ohne dich zu leben, noch dazu mit diesen Befürchtungen, dass es möglich sein könnte, dich für immer zu verlieren, bedeutet nichts anderes als viele Male zu sterben.9 Deshalb sage ich, Töchter, dass die Seligkeit, um die wir bitten sollen, darin besteht, dass eine jetzt schon mit Gewissheit bei den Seligen weilt, denn welche Freude könnte ein Mensch, dessen ganze Freude es ist, Gott zu erfreuen, bei solchen Befürchtungen noch haben? Bedenkt, dass manche Heiligen, die in schwere Sünden gefallen waren, diese und noch viel größere Furcht hatten, während wir es nicht verbrieft haben, dass Gott uns – im Sinne der besonderen Gnadenhilfe10 – seine Hand reichen wird, um uns herauszuholen und gleich ihnen Buße tun zu lassen.

Anmerkungen
7 Erneut wählt die Autorin ein Bild aus dem militärischen Bereich; vgl. De 3; 4, wo sie sich fast wortgleich ausdrückt.
8 Die starke Ausrichtung auf das Jenseits und damit verbunden der Wunsch, vom irdischen Leben mit seinen Mängeln und Defiziten befreit zu werden, entspricht damaliger Frömmigkeit; sie waren nicht zuletzt durch die weitgehende Hilflosigkeit gegenüber Krankheiten und sonstigen Nöten bedingt. Ferner wurden sie durch eine Glaubensverkündigung gefördert, die den Akzent einseitig auf die ständige Gefährdung durch die Sünde legte, so dass das irdische Leben wie eine einzige potentielle Fallgrube erscheinen musste. Wie H. Hatzfeld betont, ist die Todessehnsucht deshalb „nicht typisch fur die Mystik ..., sondern [sie hängt] mit dem Geist der Gegenreformation zusammen, der als Korrektur fur die extreme Diesseitigkeit der Renaissance das kunftige Leben im Jenseits Entsprechende Gedanken finden sich bei Teresa an vielen Stellen; siehe etwa V 6,9; 16,4; 17,1; 20,12f; 21,6; 29,8.10.12; 30,20; 33,8; 34,10; 40,3.20; CE 72,4; E 1,1; 3,3 ; 11,3; 12,4; 6M 6,1; und die Gedichte „Ich leb’, nicht in mir lebend“ (Vivo sin vivir en mi; P 1); „Liebesdialog“ (Coloquio amoroso; P 9); „Seufzer in der Verbannung“ (Ayes del destierro; P 10). Vgl. aber auch CE 32,1 und vor allem 7M 3,6f, wo die Todessehnsucht der nüchternen Bereitschaft weicht, Gott und den Menschen hier auf Erden zu dienen; etwas von ihrer diesbezüglichen inneren Auseinandersetzung klingt auch an dieser Stelle an.
9 Ein Echo der damaligen Höllenpredigten, mit denen die Angst vor ewiger Verdammnis geschürt wurde. Siehe auch V 3,5.6; 7,9.22; 19,2; 20,13; 21,5;27,1; 37,9; 38,9; 40,1.10; CE 27,1; 70,4; MC 2,1.18; usw. Für Teresa ist allerdings nicht die Angst vor dem Gericht, sondern die Liebe zum göttlichen Freund – und damit die Sorge, ihn zu verlieren – das ausschlaggebende Motiv; siehe etwa auch MC 3 und vor allem 6M 9,7.
10 Dieser Einschub, den die Autorin am Rand ergänzt, dürfte ein Widerhall von ihren Gesprächen mit dem führenden Theologen der thomistischen (Neu)- scholastik des 16. Jahrhunderts, dem Dominikaner Domingo Báñez, sein. Dieser wurde vor allem bekannt wegen seiner Gnadenlehre, mit der er im sogenannten „Gnadenstreit“ (1582-1601) seinem Kontrahenten aus dem Jesuitenorden Luis de Molina entgegentrat. Unter allgemeiner Gnadenhilfe wurde die göttliche Hilfe verstanden, die allen Gläubigen kraft der Taufe zuteil wird und zur Erlangung der ewigen Seligkeit notwendig ist, unter besonderer Gnadenhilfe zusätzliche Hilfe, die Gott darüber hinaus einzelnen Menschen in bestimmten Situationen gewährt; vgl. auch 5M 2,3 und V 14,6. – Gracián streicht auch diese Zwischenbemerkung Teresas, aber auch in diesem Fall widerspricht ihm Ribera am Rand: „Das soll nicht gestrichen werden!“. Der erste Herausgeber der Werke Teresas, Fray Luis de León, respektierte in der editio princeps nicht nur den integralen Text Teresas, sondern er war es, der diesen Einschub in den Textkörper einfügte.

(Teresa von Avila, Wohnungen der Inneren Burg, Vollständige Neuübertragung, Gesammelte Werke Bd.4, Herder 2005, Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Ulrich Dobhan OCD, Elisabeth Peeters OCD)


2. Harto gran miseria es vivir en vida que siempre hemos de andar como los que tienen los enemigos a la puerta, que ni pueden dormer ni comer sin armas, y siempre con sobresalto si por alguna parte pueden desportillar esta fortaleza. ¡Oh Señor mío y bien mío!, ¿cómo queréis que se desee vida tan miserable, que no es possible dejar de querer y pedir nos saquéis de ella si no es con esperanza de perderla por Vos o gastarla muy de veras en vuestro servicio, y sobre todo entender que es vuestra voluntad? Si lo es, Dios mío, muramos con Vos, como dijo Santo Tomás, que no es otra cosa sino morir muchas veces vivir sin Vos y con estos temores de que puede ser posible perderos para siempre. Por eso digo, hijas, que la bienaventuranza que hemos de pedir es estar ya en seguridad con los bienaventurados; que con estos temores ¿qué contento puede tener quien todo su contento es contentar a Dios? Y considerad que éste, y muy mayor, tenían algunos santos que cayeron en graves pecados; y no tenemos seguro que nos dará Dios la mano para salir de ellos y hacer la penitencia que ellos (entiéndese del auxilio particular).

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