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Donnerstag, 5. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (5/5)

Alsobald ereigneten sich in der Klostergemeinde verschiedene, wunderbare Vorgänge, deren wir nur einige hier anführen wollen. Von dem ersten Ereignis haben wir bereits weiter oben berichtet; es ist die plötzliche Heilung jener Laienschwester von einem schweren Kopfleiden, die, die Füße der engelgleichen Nonne küssend, dieselben voll Vertrauen mit der Stirne berührte.

Wieder eine andere Klosterfrau nahm in der Zelle, in der sich keinerlei Blumen befanden, einen süßen, durchdringenden Veilchenduft wahr.

Eine dritte hatte die Empfindung, als würde sie einer liebevollen, zärtlichen Umarmung teilhaftig. Zwei weitere Schwestern sahen, die eine einen strahlenden, sich am Himmel hinziehenden Lichtstreifen, die andere eine glänzende Krone, die sich von der Erde erhob und in den Höhen des Firmaments verschwand.

Samstag und Sonntag strömte eine zahlreiche Volksmenge herbei, um in erbaulicher Sammlung vom Chorgitter aus die trotz der Majestät des Todes so liebliche, weiße Blume noch ein letztes Mal zu betrachten; auch jetzt noch war das einstige kleine Prinzeßchen anmutig wie im Leben. Hunderte von Gegenständen, Rosenkränze, Medaillen, ja sogar Schmucksachen wurden an die liebe kleine Heilige gerührt. – Unter der Schar der Personen aller Stände befand sich ein zehnjähriges Mädchen, das einen köstlichen Liliendurft wahrnahm; es war dies ganz unerklärlich, denn die vielen Lilien, die die jungfräuliche Leiche zierten, waren lauter künstliche Blumen. – Diese Gunstbezeugung ist unserem Kloster erst kürzlich mitgeteilt worden; das von unserm kleinen Engel damit begnadete Kind ist immer noch glücklich darüber.

Am 4. Oktober, dem Tage der Beisetzung, sahen wir die treue Dienerin Gottes von einer großen Schar von Priestern umgeben. Diese Ehre gebührte ihr aber auch; denn wieviel hatte sie gerade für die Gesalbten des Herrn gebetet und geopfert.

Nach der feierlichen Einsegnung wurde dann das kostbare Weizenkörnlein von den mütterlichen Händen der heiligen Kirche in die geweihte Erde gesenkt.

Und seitdem hat das Wort des göttlichen Schnitters sich herrlich bewährt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, so bringt es viele Frucht.“

Am öftesten bleiben diese Früchte hienieden verborgen; aber der Herr will dieses Mal die Stunde der ewigen Offenbarungen beschleunigen, er will, daß wir die herrliche Ernte betrachten, die da reift allerorten auf dem Angesichte der Erde . . .

Die göttliche Barmherzigkeit sei dafür ewig gelobt! Sie, die Urheberin aller Wunderwerke.

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)


Therese von Lisieux. Totenbett. Ausschnitt


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Mittwoch, 4. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (4/5)

Als das Klosterglöcklein leise den Angelus läutete, da richtete sie ihren Blick mit einem unaussprechlich liebenden und bittenden Ausdruck auf das Bild der unbefleckten Jungfrau, den Stern des Meeres; jetzt war der Augenblick gekommen, die Worte zu singen, die sie einst gedichtet:

„Es naht der Tag, da ich zu dir, o Mutter, ziehe;
Da selig an mein Ohr das Lied des Himmels klingt,
Du lächeltest mir zu in meines Lebens Frühe,
O Mutter, lächle auch jetzt, wo der Abend sinkt.“

Einige Minuten nach sieben Uhr wandte sich unsere arme, kleine Dulderin nach der Mutter Priorin um und sagte:

„O meine Mutter, ist denn das noch nicht der Todeskampf? – Werde ich noch nicht sterben?“ – „Doch, mein liebes Kind, es ist der letzte Kampf, aber Jesus will ihn vielleicht noch um einige Stunden verlängern.“

Da sagte sie mit sanfter, klagender Stimme: „Es ist gut so, in Gottes Namen denn. – O nein, ich verlange nicht darnach, weniger zu leiden.“

Dann  heftete sie ihre Augen auf das Kruzifix:
„O – ich liebe dich! – Mein Gott, ich – liebe – dich!“

Das waren ihre letzten Worte! Kaum hatte sie dieselben gesprochen, da sank sie zurück und neigte den Kopf auf die rechte Seite, wie man auf alten Bildern aus den Zeiten der ersten Martyrer jene heiligen Jungfrauen dargestellt sieht, die sich bereiten, den tödlichen Streich durch das Beil des Henkers zu empfangen. Ja, sie war das Schlachtopfer der göttlichen Liebe, die den glühenden Pfeil erwartete, den der göttliche Bogenschütze auf sie abzusenden im Begriffe stand, um sie heimzuholen in sein Reich.

Plötzlich erhob sie sich noch einmal wie von einer geheimnisvollen Stimme gerufen, schlug groß und voll die Augen auf, welche strahlten von himmlischem Frieden und unaussprechlichem Glück, und heftete sie unverwandt auf eine Stelle etwas über dem Bilde der allerseligsten Jungfrau.

Dieser wunderbare Blick veränderte sich während der ungefähren Dauer eines Credo nicht, dann aber schwang sich der göttliche Adler hernieder, und auf seinen Fittichen trug er die unschuldige Taube, die reine, begnadete Seele Schwester Theresias empor zu den Lichthöhen des Paradieses. . . .

Unser kleiner Engel  hatte, wenige Tage ehe er diesem Erdentale entschwebte, gesagt: „Der Tod aus Liebe, den ich mir wünsche, ist jener, den Christus gestorben ist, der Tod am Kreuze!“

Ihr Verlangen wurde voll und ganz erfüllt. Finsternis und die Ängste und Qualen des Todes waren ihr Anteil bis zum letzten Kampfe. Aber es läßt sich auf sie gar wohl das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz anwenden, welches er von jenen spricht, die sich aus Liebe verzehren: „Sie sterben in wunderbaren Entzückungen der Liebe, Jubelhymnen auf den Lippen, gleichwie der sterbende Schwan seinen schönsten Gesang im letzten Augenblick seines Daseins anstimmt.“ Deshalb spricht auch der königliche Sänger David: „Kostbar in den Augen Gottes ist der Tod seiner Heiligen“; denn gerade dann ist der Augenblick gekommen, wo Ströme von Liebe der Seele entquellen, um sich für ewig in dem Ozean göttlicher Liebe zu verlieren.

Kaum hatte sich die engelgleiche Seele zum ewigen Lichte emporgeschwungen, da prägte sich das Glück des letzten Augenblickes den Zügen der kleinen Schwester Theresia auf, ein überirdisch seliges Lächeln verklärte ihr Antlitz. Wir legten einen Palmzweig in ihre Hand, und die Palme sollte dreizehn Jahre später, als der Leib dieser Braut des Herrn erhoben wurde, ganz unberührt und frisch im Sarge vorgefunden wurde.

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)

Totenbett der Therese von Lisieux

 
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Dienstag, 3. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (3/5)

Und endlich brach sie an, die Morgenröte des Tages, der für Theresia jener Tag der Ewigkeit werden sollte, der keinen Abend kennt. Es war Donnerstag, den 30. September. Am Morgen sprach dieses Opfer der göttlichen Liebe noch mit uns von ihrer letzten im Tale der Verbannung verbrachten Nacht, und einen kurzen Blick auf die Mutter-Gottes-Statue werfend, sagte sie: „O, mit welcher Inbrunst habe ich sie angefleht, und doch bleibt mir der Todeskampf in seiner ganzen Bitterkeit ohne jeglichen Trost nicht erspart.“

„Das Irdische vergeht und verweht; wann werde ich das Wehen der linden Himmelslüfte kosten?“

Um 2½ Uhr richtete sie sich plötzlich allein in ihrem Bette auf, was sie seit Wochen nicht mehr gekonnt, und rief aus: „O meine Mutter, der Kelch ist übervoll, niemals hätte ich geglaubt, daß es möglich ist, so viel zu leiden. Ich kann es mir nur daraus erklären, daß ich stets ein so außerordentliches Verlangen hatte, durch meine Leiden Seelen zu retten.“

Einige Augenblicke später fügte sie hinzu: „O wie wahr ist alles, was ich je von meinem Verlangen nach Leiden geschrieben habe! –
O nein, ich bereue es nicht, mich ganz und gar der Liebe hingegeben  zu haben.“


Diese Worte wiederholte sie noch mehrmals und sagte dann: „Meine Mutter, bereiten Sie mich vor, gut zu sterben.“

Die ehrwürdige Mutter Priorin tröstete sie und sagte: „Mein Kind, Sie sind wohl bereit, vor Gott zu erscheinen; denn Sie haben sich stets der wahren Demut des Herzens beflissen.“

Da gab sie sich selbst das Zeugnis: „Ja, ich fühle es, ich habe nie etwas anderes gesucht als die Wahrheit. – Ich habe erkannt, was es heißt, die Demut des Herzens zu üben.“

Um 4½ Uhr stellten sich die untrüglichen Zeichen des letzten Todeskampfes ein. Als unsere engelgleiche Sterbende die Klostergemeinde sich versammeln sah, begrüßte sie dieselbe nochmals mit dem liebenswürdigsten Lächeln, dann nahm sie das Kruzifix fest in ihre erkaltenden Hände und schickte sich an, mutig den letzten Kampf auszufechten. Reichlicher Todesschweiß bedeckte ihr Antlitz, und sie begann zu zittern. Aber wie der Schiffer angesichts des rettenden Hafens auch mitten im tosenden Sturm den Mut nicht verliert, so tat auch diese glaubensstarke Seele, deren brechendem Auge bereits der strahlende Leuchtturm des seligen Gestades der ewigen Heimat winkte, mit todesmutiger Hand die letzten Ruderschläge, um ihre Barke zu bergen und fest zu verankern für immer und ewig.

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)

Sr. Therese vom Kinde Jesu und vom heiligen Antlitz. Karmelitin



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Montag, 2. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (2/5)

Mutter Agnes von Jesus sagte einmal zu ihr: „Einige unserer Mitschwestern glauben, daß Sie sich vor dem Tode fürchten.“

„O, diese Furcht könnte mich wohl noch überkommen; ich verlasse mich niemals auf meine eigene Kraft, ich weiß zu gut, wie schwach ich bin; aber jetzt will ich mich der Furchtlosigkeit erfreuen, die mir ja auch der liebe Gott verliehen hat, es ist immer noch Zeit zu leiden, wenn mich der Herr mit der entgegengesetzten Prüfung heimsuchen will.“

„Der hochwürdigste Herr Beichtvater hat mich gefragt: „Sind Sie bereit, den Tod mit Ergebung anzunehmen?“ Ich habe ihm geantwortet: „O mein Vater, der Ergebung bedarf es doch wohl bloß zum Leben; der Gedanke, bald sterben zu dürfen, erfüllt mich mit Freude.“ Betrüben Sie sich nicht, meine liebe Mutter, wenn ich viel zu leiden habe und wenn ich auch in meinen letzten Augenblicken keinerlei Zeichen von Glück oder Trost mehr gebe. – Ist denn der Heiland nicht auch gestorben als Schlachtopfer der Liebe, und doch, welch einen Todeskampf litt seine gottmenschliche Seele.“

Am 29. September, dem Vorabend ihres Todes, hörten die Dienerin Gottes und ihre bei ihr weilende jüngste Schwester Celine (Schwester Genovefa von der heiligen Theresia) abends gegen neun Uhr ganz deutlich ein sanftes Flügelrauschen im Garten, und gleich darauf ließ sich eine Turteltaube, girrend und lockend am Fensterrande nieder, um jedoch schon nach wenigen Augenblicken sich wieder in weite Höhen aufzuschwingen.

Die beiden Schwestern wurden tief bewegt, gedenkend der Worte des Hohenliedes: „Der Ruf der Turteltaube wurde gehört in unserm Lande, stehe auf, meine Taube, meine Braut, und komme, denn siehe, der Winter ist vorüber!“

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)


Therese, die Novizin im Karmel von Lisieux

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Sonntag, 1. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (1/5)

Gegen Ende September erzählten wir unserer Kranken einmal, daß in der Erholung die Rede gewesen sei von der Verantwortung jener, welchen die Leitung der Seelen anvertraut ist; da war es, als lebte sie etwas auf, und dann sprach sie die schönen, bedeutsamen Worte: „Die Kleinen werden mit großer Milde gerichtet werden.“ (Sap. 6,7) Man kann ganz gut ‚klein‘ bleiben, selbst wenn die schwerste Verantwortung auf einem ruht, denn es steht geschrieben: „Die Erde ward stille, als der  Herr kam, um Heil zu schaffen, allen Sanftmütigen und Demütigen auf Erden.“ (Ps 75,9.) Der Herr spricht also nicht vom Gerichte, sondern vom Gerettetwerden.

Die Flut der Leiden sollte bei Schwester Therese immer noch höher steigen. Ihre Schwäche wurde so groß, daß sie ohne die Unterstützung anderer nicht mehr die kleinste Bewegung machen konnte. Sprechen zu hören, selbst wenn es im Flüsterton geschah, verursachte ihr qualvolle Peinen; das Fieber und die großen Beklemmungen gestatteten ihr nicht, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen, ohne daß sie zu Tod erschöpft wurde. Aber selbst in diesem Zustande wich das sanfte, liebenswürdige Lächeln nicht von ihren Lippen. Zog ein Schatten über ihr Antlitz, so war es einzig die Sorge, den sie pflegenden Schwestern vermehrte Mühe und Arbeit zu bereiten.

Bis zum Vorabend ihres Todestages wollte sie nachts allein bleiben, die Krankenwärterin stand jedoch jede Nacht mehrmal auf, um nach ihr zu sehen, obgleich die liebe Schwester sie immer wieder bat, sich doch nicht durch sie in der Nachtruhe stören zu lassen.

Bei einem dieser Besuche nun fand sie die Kranke eines Nachts mit gefalteten Händen, die Augen zum Himmel gerichtet: „Was tun Sie denn“ fragte sie dieselbe; „Sie sollten doch wenigstens versuchen zu schlafen.“
„Ich kann nicht, liebe Schwester, meine Schmerzen sind zu groß. Darum bete ich …“
„Und was sagen Sie denn dem lieben Heiland?“
„Ich spreche gar nichts, ich ‚liebe‘ ihn nur.“

„O wie gut ist doch der liebe Gott,“ rief sie mitunter. „Er muß aber auch sehr gut sein, um mir alle nötige Kraft zu geben, meine Leiden zu ertragen.“

Eines Tages sagte sie zu ihrer Mutter Priorin: „Meine liebe Mutter, ich möchte Ihnen gerne den Zustand meiner Seele offenbaren, aber ich vermag es nicht, ich bin jetzt gerade zu sehr angegriffen.“

Am Abende dann ließ sie ihr folgende mit Bleistift geschriebenen Zeilen zustellen, die sie mit zitternder Hand niedergeschrieben hatte: „O mein Gott, wie gut bist du gegen das kleine Schlachtopfer deiner erbarmenden Liebe. Auch jetzt, da sich die äußeren Leiden den inneren Prüfungen zugesellen, kann ich nicht sagen: „Die Schrecken des Todes haben mich umgeben.“ (Ps. 17, 5.) Aber in tiefster Dankbarkeit rufe ich aus: „So ich auch wandle mitten im Todesschatten, werde ich dennoch kein Unheil fürchten, weil du, o mein Gott, bei mir bist.“ (Ps. 22, 4.)

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)

Bervor Therese Karmelitin werden konnte, sprach sie bei Papst Leo XIII. vor.
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Montag, 3. Oktober 2016

S. Teresiæ a Iesu Infante, Virginis – 3 Oct.

VENI, sponsa mea, veni:
vulneráste cor meum,
soror mea sponsoa,
vulnerásti cor meum.

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Komm, meine Braut, komm.
Du hast mein Herz verwundet,
meine Schwester, meine Braut;
du hast mein Herz verwundet
.

(Intr. Ps 112,1)


Quicúmque ergo humiliáverit se sicut párvulus iste,
hic est maior in regno cælórum.

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Wer immer sich demütigt wie dieses Kind,
der ist der Größte im Himmelreich.


(Ev. Mt 18,4)


Therese von Lisieux. Ihr Ordensname lautet
„Thérèse de l'enfant Jesus“ (Therese vom Kinde Jesus);
sie selbst gab ihrem Ordensnamen später noch den Zusatz
„et de la Sainte Face“ (und vom Heiligen Antlitz).


 



http://www.archives-carmel-lisieux.fr/

 

Samstag, 16. Januar 2016

Zur Heiligsprechung der Eltern der hl. Therese von Lisieux



Der Brief des Ordensgenerals der Unbeschuhten Karmeliten
Pater Saverio Cannistrà OCD
zur Heiligsprechung der Eltern der hl. Therese von Lisieux
am 18. Oktober 2015.


Liebe Schwestern und Brüder im Karmel,

am […] 18. Oktober [2015], wird Papst Franziskus auf dem Petersplatz die Eheleute Louis Martin und Zélie Guérin, die Eltern der hl. Therese von Lisieux, heiligsprechen und sie damit der gesamten Kirche als Vorbilder für das christliche Leben vor Augen stellen. Sie sollen zur Inspirationsquelle und zu Gefährten auf unserem Weg werden und uns Mut, Licht und Ermutigung schenken.

Das ist für uns alle Grund zu großer Freude und Dankbarkeit gegenüber dem Herrn, wo wir gerade die Feier des 500. Geburtstages der hl. Teresa von Ávila, der Mutter unserer Ordensfamilie, beendet haben, die von der Kirche selbst als ein Ort anerkannt ist, der besonders reich ist an glaubwürdigen Zeugen für Gottes Schönheit und Liebe.

Diese Heiligsprechung ist ein weiteres Zeichen, mit dem uns der Herr zur Stärkung unseres Glaubens und zur Ermutigung auf unserem Weg als Karmeliten beschenkt, die wir berufen sind, die „kämpferische Sanftmut“ (Evangelii gaudium 85) des Bräutigams zu erfahren, der mit seiner Liebe die Hoffnung in den Herzen aller Menschen entzünden möchte. Wir leben in einer von tiefen Umwandlungen geprägten Zeit, die global alle Bereiche des menschlichen Lebens betreffen, wie Gebräuche, Kultur, Religion, Gesellschaft, Wirtschaft, was Spannungen und Ängste hervorruft. Es entstehen Gefühle der Unsicherheit und des gegenseitigen Misstrauens, Situationen der Ungerechtigkeit und Instabilität, die das friedliche Zusammenleben und das Vertrauen unter den Menschen auf eine harte Probe stellen, was für ein gemeinsames und ersprießliches Zusammenleben unerlässlich ist.

Die biblische Sicht des Menschen mit seiner zweifachen Ausformung als Mann und Frau und das damit verbundene Verständnis seiner Bedeutung für das Leben sind nicht mehr Allgemeingut, sondern werden hinterfragt. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung um das Leben steht die natürliche Familie, die auf der schlichten Anerkennung der gottgegebenen Unterscheidung in Mann und Frau begründet ist. Das erlaubt es, in einem auf gegenseitige Liebe gegründeten Bund das menschliche Leben nicht nur für sich, sondern für jedes menschliche Wesen zu zeugen, zu behüten und wachsen zu lassen.

Die Heiligsprechung der Eheleute Martin ist ein Zeichen der Zeit, das uns im Tiefsten in Frage stellen muss, da sie einen epochalen Wert hat. Die Kirche hat unter Leitung des Hl. Geistes zum ersten Mal in ihrer Geschichte entschieden, am Weltmissionssonntag während der 24. Ordentlichen Bischofsynode zu Berufung und Sendung der Familie ein Ehepaar heiligzusprechen.

Eine exemplarische Familie?

Es sind 150 Jahre vergangen, seit Louis und Zélie um Mitternacht des 12. Juli 1858 in Alençon geheiratet haben, und seitdem hat sich vieles in der Kirche und in der Kultur Europas verändert. Inwiefern können ihre Ehe und die Geschichte ihrer Familie für uns heute exemplarisch sein, wenn die Familie in der Theorie und weitgehend auch in der Praxis heute von dem, was diese beiden geglaubt und gelebt haben, so weit entfernt ist?

Zuallererst muss man sich von den Vorurteilen und kulturellen Klischees frei machen, die alles, was mit dem 19. Jahrhundert zu tun hat, als antiquiert und überholt abtun.

Wenn wir das Leben der Familie aus der Nähe betrachten, sehen wir einen Mann und eine Frau, die eine gemeinsame Geschichte haben, geprägt von Ereignissen, in denen wir uns auch noch wiederfinden können, weil sie dem Leben entspringen: Sie heiraten, nach den damaligen Vorstellungen nicht mehr ganz jung – sie 27, er 35 Jahre alt, als sie sich kennenlernten – und führen ein gemeinsames Leben, indem sie Tag für Tag lernen, ihre Fähigkeiten, ihre Verantwortung, die Lasten, Freuden und Schmerzen miteinander zu tragen. Louis führte ein Uhrengeschäft, Zélie hatte in Eigenverantwortung mit der Herstellung der berühmten Alençoner Spitzen begonnen. Ihre Arbeit sicherte ihnen einen gewissen Wohlstand, ohne diesen zur Schau zu stellen oder sehr besorgt zu sein, wiewohl der Krieg von 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen die wirtschaftliche Lage schwieriger gemacht hat.

Gemeinsam zu arbeiten, neun Kinder zu bekommen, sich um sie zu kümmern, den Tod von vier von ihnen im Kleinstkindalter zu ertragen war gewiss nicht leicht, insbesondere für Zélie, die als Unternehmerin auch Arbeitgeberin und somit auch für das Auskommen ihrer Arbeiterinnen und deren Familien verantwortlich war. Louis stand ihr immer zur Seite und trug mit Gelassenheit die Lasten seiner Frau mit. Er stärkte sie durch seine beständige Nähe und entschloss sich, als er seine Frau immer erschöpfter erlebte, seine Arbeit aufzugeben, um ihr um so mehr unter die Arme zu greifen, besonders als sie von ihrer Krankheit heimgesucht wurde, die 1877 zu ihrem Tod führte, als sie erst 46 Jahre alt war.

Louis hatte von da an bis zu seinem Tod, der 17 Jahre auf sich warten ließ, das Los eines Witwers zu tragen, gezeichnet von einer demütigenden Erkrankung, die ihn seiner geistigen Fähigkeiten beraubte. Er sorgte für seine fünf Töchter und deren Ausbildung und entschloss sich, die Übersiedlung von Alençon nach Lisieux in Kauf zu nehmen, damit sie von der Tante Celine betreut werden könnten, die ihnen mit großer Zuneigung verbunden war. Alle fünf Töchter traten in ein Kloster ein. Sie dabei zu begleiten, besonders seine Lieblingstochter Thérèse, bedeutete für ihn kein kleines Opfer; doch lebte er es als selbstlosen Akt der Hingabe seines Lebens und seiner Kinder an Gott, wie er es zusammen mit Zélie schon führte; hatte er doch für seine Familie das Motto von Jeanne d‘Arc gewählt: Zuerst Gott dienen.

Die Ehe – Berufung und Freundschaft

Die Aufzählung einiger konkreter Erfahrungen der Eheleute Louis und Zélie Martin führt uns schnell zu ähnlichen Erfahrungen vieler Familien heute, die wirtschaftliche Probleme bewältigen, den schnellen Rhythmus ihrer täglichen Arbeit mit der Erziehung der Kinder vereinbaren und den vielfältigen Beschwerden des Alltags einen Sinn abringen müssen, die unerbittlich an die Türe klopfen und den Familienfrieden auf die Probe stellen. Doch der Grund, warum die Kirche das Zeugnis ihres Ehelebens für vorbildlich hält, ist viel tiefer und bezieht sich auf die Wahrheit der menschlichen Liebe im göttlichen Schöpfungsheilsplan.

Wenn wir an die Wurzel ihrer Erfahrung gehen, entdecken wir schnell zwei Züge, die sie aktuell machen und uns zeigen, wie eine Liebesbeziehung „funktionieren“ kann, so dass wir besonders den jungen Paaren ein Wort des Trostes sagen können, die aufgrund so vieler Erfahrungen des Scheiterns nicht mehr glauben, dass Treue möglich ist und sich so mit einer eher niedrigen Erwartung an das Leben zufrieden geben, obwohl die Sehnsucht im Herzen bleibt. Der erste Zug ist, die Ehe als Berufung zu betrachten. Darauf sind Louis und Zélie durch ihre Lebensgeschichte vorbereitet worden, da beide daran gedacht hatten, ihr Leben als Christen Gott in einem Orden zu weihen. Natürlich ist es nicht das, was die Beispielhaftigkeit ausmacht; es ist viel mehr die Sensibilität und Bereitschaft, die eigene Existenz zu verstehen und zu empfangen als einen Dialog mit dem Schöpfer selbst, der einen guten Plan hat und auf dem Lebensweg Hinweise aufstellt, die einem wachen Menschen zeigen, welches der Weg zur Stillung der Sehnsucht des eigenen Herzens ist. Nur so, wenn man das, was von Gott kommt, als Geschenk betrachtet und lernt, den anderen als den Liebesblick des Vaters zu betrachten, ist es möglich, sein Lebenshaus auf ein solides Fundament zu gründen. Das wurde Zélie klar, als sie beim Überqueren der St.- Leonhard-Brücke in Alençon in sich die Stimme hörte: "Das ist der Mann, den ich für dich vorgesehen habe.“

Der zweite Zug ist eine direkte Folge dieses Blickes und dieser Öffnung des Herzens: Die Beziehung mit der Gattin bzw. dem Gatten als Freundschaft zu leben. Die Achtung und der Respekt, die sich aus der Spontaneität, sich ohne eigenes Zutun als Verbündete zu erleben, und dem wohltuenden Gefühl ergeben, dem anderen eine Hilfe zu sein, befähigen zu Geduld, Demut, Beharrlichkeit, Zärtlichkeit, Vertrauen und Neugierde, die nötig sind, damit eine Beziehung nicht zu einer Selbstsuche im anderen verkommt oder zum Versuch, über ihn Macht auszuüben, oder sich in Routine erschöpft. In Ausdrücken wie „Im Geiste folge ich Dir den ganzen Tag und sage mir: "Jetzt tut er dies. Es wird mir sehr lang, bis ich wieder bei dir bin, mein lieber Louis. Ich liebe Dich aus ganzem Herzen und fühle, wie sich meine Liebe verdoppelt durch die Entbehrung Deiner Gegenwart; es wäre mir unmöglich, fern von Dir zu leben" (31. August 1873 [145]).1 „Ich bin immer noch sehr glücklich mit ihm, er macht mir das Leben recht angenehm. Mein Mann ist wirklich ein Heiliger. Ich wünsche allen Frauen einen solchen Mann – das ist mein Neujahrswunsch für sie“ (1. Januar 1863 [8]); oder „dein Mann ist ein echter Freund, der dich mehr liebt als das Leben“ – in diesen Ausdrücken ist nichts Süßliches, sondern sie sind das Zeichen für eine ehrliche und solide Zuneigung.

Die unterschiedlichen Empfindsamkeiten und die vielen kleinen Zwischenfälle im ehelichen Alltag, die mitunter zu einer Entfernung führen und die Intimität abkühlen, werden von Louis und Zélie als Gelegenheiten gelebt, das eigene Anderssein mit einem Blick voll Sympathie und zärtlicher Annahme einzuüben, wie aus diesem Briefauszug hervorgeht: „Wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich dabei, Deinen Arbeitstisch zu ordnen. Du musst nicht böse sein, ich werde nichts wegwerfen, nicht einmal ein altes Metallplättchen, nicht ein Endchen von einer Feder. Dann findest Du alles – oben und unten – schön sauber. Du wirst mir nicht sagen, ich habe den Staub nur ‚verschoben‘; Du wirst keinen mehr finden. […] Ich umarme Dich von ganzem Herzen und bin so glücklich heute beim Gedanken, Dich wiederzusehen, dass ich nicht arbeiten kann. Deine Frau, die Dich mehr liebt als ihr Leben“ (ohne Datum 1869 [59]).

Die Weitergabe des Lebens: Zeugen und Erziehen

Zu Beginn war es für Zélie und Louis nicht leicht, sich für das Leben zu öffnen. Es ging für sie darum zu verstehen, dass die aus ganzem Herzen zu Gott kommende Liebe sich durch die totale Hingabe an den Ehegatten vollzieht; dass sich der Vater seiner Schöpfung annehmen kann, um seine Kirche als Familie der Kinder Gottes aufzuerbauen. Der Ehrlichkeit ihres Suchens nach Gottes Willen und ihrem Hören auf den sie begleitenden Priester ist es zuzuschreiben, dass sie die Schönheit der Berufung zur Ehe begriffen, die sie allerdings ursprünglich in Enthaltsamkeit leben wollten. Insgesamt gingen neun Kinder aus ihrer Ehe hervor, die ihrer beider Leben mit Freude erfüllte. „Als wir unsere Kinder bekamen, änderte sich unsere Einstellung etwas. Wir lebten nur noch für sie, und das war unser ganzes Glück, und wir fanden es nur noch in ihnen. Nichts wurde uns mehr schwer; die Welt lastete nicht mehr auf uns. Für mich waren die Kinder der schönste
Lebensinhalt; darum wollte ich auch viele bekommen, um sie für den Himmel zu erziehen. Vier von ihnen sind bereits untergebracht, und die anderen nun, sie kommen auch ins himmlische Reich, und zwar mit mehr Verdiensten, weil sie länger darum gerungen haben“ (4. März 1877 [316]). In diesem Ausschnitt scheinen einige wichtige Aspekte auf, die die Beziehung zu den Kindern erhellen, woran die Familien bis heute lernen können: Die Geburt eines Kindes als ein Geschenk zu sehen, und zwar immer, weil es von Gott kommt und zu ihm hinführt, auch wenn sein Leben nur kurz oder vom Schmerz gezeichnet sein sollte. Erziehen heißt dann, zur Kenntnis des eigenen guten Ursprungs hinführen, also zum Vater; sodann die Sehnsucht nach dem Himmel zu wecken und die irdische Existenz mit ihren Mühen, Einsätzen und Leiden als Vorbereitung darauf zu leben, als etwas Wertvolles und mit Vertrauen und Liebe Angenommenes, als Schritt auf einem Weg, der zum Ziel führt und den Wert der Person wachsen lässt.

Das wirkt überzeugend und wird zur Wahrheit, die das Gewissen formt und die Schritte im Leben stärkt, wenn die Kinder es in ihren Eltern inkarniert sehen und es gleichsam einatmen als etwas, was dem Leben und Tun Sinn verleiht. Das Streben Zélies nach Heiligkeit für sich selbst und für ihre Lieben war eine Konstante, auch angesichts der eigenen Grenzen und der verlorenen Zeit: „Ich will eine Heilige werden, und das wird nicht leicht sein, es gibt viel abzubauen, und das Holz ist steinhart. Es wäre besser gewesen, früher damit anzufangen, als es noch leichter war; aber ‚besser spät als gar nicht‘“ (1. November 1873 [150]). Ihrem Bruder schreibt sie am 29. März 1874: „Es macht mir Freude zu wissen, dass Du in Lisieux sehr angesehen bist; Du wirst ein verdienstvoller Mann werden; darüber bin ich sehr froh, aber ich wünsche vor allem, dass Du ein Heiliger wirst“ (29.März 1874 [159]). Auch gegenüber der von ihrem Charakter her schwierigen Tochter Léonie, die in der Schule als „schreckliches Kind“ bezeichnet wurde – „das arme Kind steckt voller Fehler, es steckt darin wie in einem Mantel. Man weiß nicht, wie man Einfluss auf Léonie bekommen soll“ – fehlt es ihr trotz des bedrückenden Bewusstseins ihrer großen Grenzen nicht an einem auf den Glauben an Gottes Güte und die Hingabe an seinen Heilsplan sich gründenden Vertrauen: „Aber Gott ist so barmherzig, ich habe immer gehofft und hoffe weiter“ (21. Januar 1877 [301]). Aus dem Zeugnis der hl. Therese kennen wir gut den vertrauten Umgang von Louis mit Gott, und wie dieser auf seinem Antlitz aufschien: „Manchmal füllten sich seine Augen mit Tränen, die er vergeblich zurückzuhalten versuchte; er schien bereits nicht mehr der Erde anzugehören, so sehr liebte es seine Seele, sich in die ewigen Wahrheiten zu versenken;“ „ich brauchte ihn nur anzusehen, um zu wissen, wie Heilige beten.“

In einem solchen Klima wird das Übernatürliche zu Leben und die Dinge dieser Welt werden geradezu natürlich aus einer Perspektive der Ewigkeit beleuchtet. So kann die Familie ihre ursprüngliche Eigenart wiedergewinnen, die in unserer Zeit oft missverstanden wird, nämlich „der erste Ort zu sein, wo wir lernen, uns mitzuteilen“, wobei „Mitteilung als Entdeckung und Auferbauung von Nähe“ zu verstehen ist (Botschaft von Papst Franziskus zum 49. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 17. Mai 2015).

Ein einfühlsames, gastfreundliches und selbstloses Paar

Die Aufmerksamkeit für den anderen und die Dankbarkeit für sein Sosein, die im ehelichen Alltag geübt und in das moralische und geistliche Wohl der Kinder einströmte, hat in der Familie Martin in der Form selbstloser Liebe, Aufnahme von Armen und dem Gespür für Notleidende eine wichtige Ergänzung erfahren. Die Liebe zu Gott ist, wenn sie echt ist, untrennbar mit der Liebe zum Nächsten verbunden, besonders zu dem, der Hilfe braucht. Es gibt viele Ereignisse im Leben von Zélie und Louis, in denen diese schöne Sorge für den Nächsten sichtbar wird – beginnend bei den wie eigene Töchter behandelten Arbeiterinnen, die bei der Spitzenherstellung halfen (vgl. Brief vom 2. März 1868 [40f.]) –, da in ihnen Christus lebt und sie deshalb Gott ganz besonders am Herzen liegen (vgl. Evangelii gaudium 24.178). Diese Aufmerksamkeit gilt dem ganzen Menschen, seinem leiblichen und seelischen Wohlergehen; sie wird zu einer ausgleichenden Gerechtigkeit, zu Tischgemeinschaft, Suche nach ärztlicher Hilfe und einem Bett für Obdachlose, Spende von Trost als Gottes spürbare Nähe durch die Vermittlung eines Priesters in der Stunde des Hinscheidens, selbstlose Unterstützung von Menschen in Not, Gefallen an der Freude des anderen, Solidarität mit von Leid Heimgesuchten und Besuche bei den Armen.

Die Sorge für die Armen durch die Eheleute Martin gehört zu einer Art von Armut, die im Herzen ihrer Töchter das konkrete Gespür für die Präsenz Jesu und die Wahrheit seines Evangeliums einprägt. Ihre Nüchternheit ist nicht Nachlässigkeit, sondern eine Haltung, die der Veranlagung des Herzens entgegentritt, sich beim Einsatz mit der Zeit, den eigenen Kräften und den geistlichen und materiellen Ressourcen in sich zu verschließen. Freude in der Armut, die menschlich bereichert, nährt sich aus der Erfahrung, seinen eigentlichen Reichtum in der Annahme von Christi Gnade zu haben; die eigenen Schwächen und Fehler brauchen angesichts der Barmherzigkeit Gottes nicht verdrängt zu werden, so dass man dennoch in der Vereinigung mit ihm und in Solidarität mit den Schwestern und Brüdern leben kann, denen man dann auch wieder Barmherzigkeit erweist. Dazu lesen wir bei Zélie: „Mein Gott, wie traurig ist doch ein Haus ohne Religion! Wie schrecklich erscheint dort der Tod! […] Nun, ich hoffe, dass Gott Mitleid mit der armen Frau hat; sie ist so schlecht erzogen, dass sie dadurch zu entschuldigen ist“ (31. Oktober 1875 [215f.]); „Bete viel zum heiligen Josef für den Vater unseres Dienstmädchens. Er ist sehr krank, und ich würde es sehr bedauern, wenn dieser brave Mann ohne Beichte sterben würde“ (22. März 1877 [328]); „Ich war so erschöpft, dass ich selbst krank wurde, […] und musste doch einen Teil der Nacht auf sein, um unser Dienstmädchen zu pflegen“ (11. Oktober 1874 [170]); „Ich habe meinen Mann so lange bearbeitet, bis er sich entschied, einen Teil des Bankkredits zu verkaufen; er tat es mit einem Verlust von 1.300 Frs auf 11.000 Frs, die er zurückbrachte. Wenn mein Bruder Geld braucht, soll er sofort darum bitten, und er möge mir sagen, ob wir auch den Rest verkaufen sollen“ (30. Juli 1871 [93]). „Ich habe ihn gebeten, immer zu uns zu kommen, wenn er etwas brauchte, ihn aber nie mehr gesehen. Zu Beginn des Winters endlich trifft Vater ihn eines Sonntags, als es sehr kalt war; er hatte nackte Füße und fror. Vater war voller Mitleid mit dem Unglücklichen und hat alle möglichen Schritte unternommen, um ihn in einem Hospiz unterzubringen. […] Doch Vater gab nicht auf; er hatte sich diese Angelegenheit zu Herzen genommen, also stellte er von neuem seine Batterien auf, um ihn bei den ‚Unheilbaren‘ unterzubringen“ (3. Dezember 1876 [281f.]).

Die Quelle für die Heiligkeit ihres Lebens

In seiner Homilie bei der Vigilfeier zur Synode auf dem Petersplatz am 3. Oktober hat Papst Franziskus gesagt: "Um die Familie von heute zu verstehen, begeben wir uns ins Geheimnis der Familie von Nazareth, in ihr verborgenes Leben im Alltag und an den Festen, wie es für die meisten Familien heute zutrifft, mit ihren Leiden und schlichten Freuden; in ein Leben mit Gelassenheit und Geduld angesichts von Widerwärtigkeiten, der Achtung vor der Eigenart jedes Menschen und von jener Demut, die im Dienst aufblüht und zur Befreiung führt, und zu einem geschwisterlichen Leben führt, das aus dem Erleben, entströmt, Teil eines einzigen Leibes zu sein.

Die Familie ist der Ort, an dem sich die Heiligkeit des Evangeliums in den ganz gewöhnlichen Bedingungen verwirklicht. Hier atmet man die Erinnerung an die Generationen ein und es werden die Wurzeln geschlagen, die erlauben, weit weg zu gehen. Sie ist der Ort zur Einübung in die Unterscheidung, wo die Hinführung zur Erkenntnis des göttlichen Heilsplanes für das Leben und zu dessen mutiger Annahme geschieht. Sie ist der Ort der Vorleistungsfreiheit und einfühlsamer, geschwisterlicher und solidarischer Präsenz, die lehrt, aus sich herauszugehen, um den anderen aufzunehmen, ihm zu vergeben und selbst Vergebung zu erlangen.“

Diese Beschreibung zeigt uns, inwieweit die Familie Martin im Heute wurzelt. Ihre Heiligsprechung zeigt allen Familien, insbesondere den christlichen, die außerordentliche Schönheit der alltäglichen Dinge, sobald die eigene Lebensgeschichte aus den Händen Gottes angenommen und ihm dargebracht wird mit dem beruhigenden Wissen, dass „es bei all dem das Klügste und Einfachste ist, sich dem Willen Gottes zu ergeben und sich vorzeitig darauf vorzubereiten, sein Kreuz so mutig wie möglich zu tragen“ (12. Februar 1870 [65]). „Wir müssen jetzt besonders in uns die Gesinnung pflegen, den Willen Gottes anzunehmen; er ist immer das Beste für uns, was es auch sei“ (Mai 1877 ohne Datum [349]).

Innerer Friede, gläubige und beharrliche Annahme der Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt, die Fähigkeit, die zwischenmenschlichen Beziehungen selbstlos zu leben und den anderen in seiner Einmaligkeit ins Zentrum zu stellen, was den Ehealltag von Louis und Zélie und die Beziehung zu ihren Kindern geprägt hat, sind nicht Frucht besonderer Gnaden oder mystischer Erfahrungen; sie entströmen dem Bemühen, durch Zurücknahme seiner selbst den Willen Gottes ernst zu nehmen und durch den täglichen Sakramentenempfang, die Stärkung der Verbindung mit Jesus in der Anbetung seiner in der Hostie treuen und beständigen Liebe, das Beten in der um Maria versammelten Familie sowie die Teilnahme an den karitativen Tätigkeiten der Pfarrei, trotz vieler Verpflichtungen, am Leben der Kirche teilzunehmen; und bei allem immer Zeit zu haben, den Töchtern zuzuhören, sie mit Entschiedenheit und Liebenswürdigkeit zu korrigieren, ihnen von Jesus zu erzählen und sich in einer Haltung vertrauensvoller Hingabe an seine geheimnisvolle, aber doch konkrete Präsenz um ihre persönliche Entwicklung zu kümmern, um dadurch Raum für Gott zu schaffen. Sich mit Bewunderung und Staunen angeblickt und in der eigenen unwiederholbaren Individualität respektiert und bedingungslos angenommen zu fühlen, auch wenn die eigene Existenz Anlass zum Leiden gibt, ist für den Menschen, dem das zuteil wird, eine Quelle für Wohlergehen und unbezahlbare und unzerstörbare positive Erfahrung. Es ist dies die menschliche Erfahrung, die dem Blick Gottes am nächsten kommt und deshalb das Tor des Herzens aufmacht und fähig macht, die Wege der Heiligkeit zu gehen, wie es diese Familie deutlich zeigt.

Die beständige Suche nach dem vertrauten Umgang mit dem Herrn und seiner Mutter Maria, wie sie Louis und Zélie exemplarisch vorgelebt haben, ist die wertvollste Botschaft, die sie ihren Töchtern und uns, den Söhnen und Töchtern der hl. Teresa, hinterlassen haben. Ihre Heiligsprechung richtet an den Teresianischen Karmel die Einladung, immer mehr Familie zu werden und die Schönheit und Bedeutung unserer Alltagsverpflichtungen zu entdecken und dabei in aller Demut von den Familien zu lernen, die mit Nachdruck ihre Berufung und Sendung leben.

Die Feststellung, dass sich aus einem gläubig gesprochenen Ja Folgen ergeben, die weit über uns hinausgehen und sich in der Welt verbreiten, ist für uns eine große Ermutigung. Mit dem Blick auf die Eheleute Martin und auf die sichtbaren Früchte der Heiligkeit ihres Lebens, ein Herz und eine Seele zu sein, werden wir uns mehr bewusst, dass wir um so mehr Kommunität werden, „die begleiten, feiern und Frucht bringen kann“, je mehr wir lernen zu kommunizieren, und wir verstehen, dass „die schönste Familie – Protagonistin und nicht Problem – jene ist, die vom eigenen Zeugnis ausgehend die Schönheit und den Reichtum der Beziehung zwischen Mann und Frau und jener zwischen Eltern und Kindern zu kommunizieren versteht.“

Mein Wunsch ist, dass wir mit Hilfe der Gnade, die wir durch diese Heiligsprechung erhalten, uns bemühen, das Lebenszeugnis dieses Ehepaares näher kennenzulernen, auch durch die Lektüre ihrer Korrespondenz, und uns kreativ auf den von der Kirche vorgegebenen Weg begeben, die uns einlädt, die Familie von neuem als unverzichtbares Mittel für die Evangelisierung und als Schule für die Menschheit zu entdecken.

P. Saverio Cannistrà OCD
Generaloberer

(Quelle: Treffpunkt ocd 4,2015)


Dienstag, 6. Oktober 2015

Lobgesang auf das heilige Antlitz

Die heilige Thérèse von Lisieux trägt in ihrem Ordensnamen den Zusatz:
„vom Kinde Jesu und vom heiligsten Antlitz“.
+
Dieses heilige Antlitz 
hat Therese selbst gemalt und auf einem Stück Wolle befestigt; es ist ca. 25 cm hoch.
 

+
In Thereses  "Geschichte einer Seele" findet sich der folgende-

 "Lobgesang auf das heilige Antlitz"

Dein Antlitz, Herr, gibt mir hienieden
Auf allen Lebenswegen Licht.
Ich schöpfe wahren Himmelsfrieden
Aus deinem milden Angesicht.
O, wie dein Aug’ vor Wonne leuchtet!
Mit Tränen ist es noch geziert.
Ich lächle, ob mein Aug’ sich feuchtet,
Das sich in deinen Schmerz verliert.

Zu trösten dich, will ich allein,
Von allen unbekannt, gern leben.
Die gut verhüllte Schönheit dein
Ließ mich den dichten Schleier heben.
Ich sehne mich, bei dir zu sein.

Dein Antlitz ist mein Reich der Wonne;
Mein Vaterland in ihm ich schau’.
Es ist die milde Tagessonne,
Die schöne, blumenreiche Au,
Die Lilie im Tränentale
Mit dem geheimnisvollen Duft,
Voll Trost für mich so viele Male,
Der mich umgibt mit Friedensluft.

Es ist die wonnigliche Ruh’,
Die Harfe, reich an Lust und Klage.
Und deine Züge, mein Erlöser du,
Sind Myrrhensträußlein, die ich trage
An meiner Brust dir einstens zu.

Der einz’ge Reichtum hier auf Erden
Soll mir, o Herr, dein Antlitz sein.
Darin, um ähnlich dir zu werden,
Such’ Schutz und Hilfe ich allein.

Den Gottestempel deiner Züge,
So mild, den präge mir ins Herz.
Dann würde heilig ich und trüge
Dir viele Seelen himmelswärts.

So könnte bieten ich zur Stund’
Dir, Herr, der Ernte gold’nen Hügel.
Entflamme mich aus Herzensgrund!
Es drückt’ der ew’gen Liebe Siegel
Schon bald mir auf dein heil’ger Mund.

(am 12. August 1895)

Quelle: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, 
Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 
4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922,  375 f.

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