Mittwoch, 4. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (4/5)

Als das Klosterglöcklein leise den Angelus läutete, da richtete sie ihren Blick mit einem unaussprechlich liebenden und bittenden Ausdruck auf das Bild der unbefleckten Jungfrau, den Stern des Meeres; jetzt war der Augenblick gekommen, die Worte zu singen, die sie einst gedichtet:

„Es naht der Tag, da ich zu dir, o Mutter, ziehe;
Da selig an mein Ohr das Lied des Himmels klingt,
Du lächeltest mir zu in meines Lebens Frühe,
O Mutter, lächle auch jetzt, wo der Abend sinkt.“

Einige Minuten nach sieben Uhr wandte sich unsere arme, kleine Dulderin nach der Mutter Priorin um und sagte:

O meine Mutter, ist denn das noch nicht der Todeskampf? – Werde ich noch nicht sterben?“ – „Doch, mein liebes Kind, es ist der letzte Kampf, aber Jesus will ihn vielleicht noch um einige Stunden verlängern.

Da sagte sie mit sanfter, klagender Stimme: „Es ist gut so, in Gottes Namen denn. – O nein, ich verlange nicht darnach, weniger zu leiden.

Dann  heftete sie ihre Augen auf das Kruzifix:
O – ich liebe dich! – Mein Gott, ich – liebe – dich!

Das waren ihre letzten Worte! Kaum hatte sie dieselben gesprochen, da sank sie zurück und neigte den Kopf auf die rechte Seite, wie man auf alten Bildern aus den Zeiten der ersten Martyrer jene heiligen Jungfrauen dargestellt sieht, die sich bereiten, den tödlichen Streich durch das Beil des Henkers zu empfangen. Ja, sie war das Schlachtopfer der göttlichen Liebe, die den glühenden Pfeil erwartete, den der göttliche Bogenschütze auf sie abzusenden im Begriffe stand, um sie heimzuholen in sein Reich.

Plötzlich erhob sie sich noch einmal wie von einer geheimnisvollen Stimme gerufen, schlug groß und voll die Augen auf, welche strahlten von himmlischem Frieden und unaussprechlichem Glück, und heftete sie unverwandt auf eine Stelle etwas über dem Bilde der allerseligsten Jungfrau.

Dieser wunderbare Blick veränderte sich während der ungefähren Dauer eines Credo nicht, dann aber schwang sich der göttliche Adler hernieder, und auf seinen Fittichen trug er die unschuldige Taube, die reine, begnadete Seele Schwester Theresias empor zu den Lichthöhen des Paradieses. . . .

Unser kleiner Engel  hatte, wenige Tage ehe er diesem Erdentale entschwebte, gesagt: „Der Tod aus Liebe, den ich mir wünsche, ist jener, den Christus gestorben ist, der Tod am Kreuze!

Ihr Verlangen wurde voll und ganz erfüllt. Finsternis und die Ängste und Qualen des Todes waren ihr Anteil bis zum letzten Kampfe. Aber es läßt sich auf sie gar wohl das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz anwenden, welches er von jenen spricht, die sich aus Liebe verzehren: „Sie sterben in wunderbaren Entzückungen der Liebe, Jubelhymnen auf den Lippen, gleichwie der sterbende Schwan seinen schönsten Gesang im letzten Augenblick seines Daseins anstimmt.“ Deshalb spricht auch der königliche Sänger David: „Kostbar in den Augen Gottes ist der Tod seiner Heiligen“; denn gerade dann ist der Augenblick gekommen, wo Ströme von Liebe der Seele entquellen, um sich für ewig in dem Ozean göttlicher Liebe zu verlieren.

Kaum hatte sich die engelgleiche Seele zum ewigen Lichte emporgeschwungen, da prägte sich das Glück des letzten Augenblickes den Zügen der kleinen Schwester Theresia auf, ein überirdisch seliges Lächeln verklärte ihr Antlitz. Wir legten einen Palmzweig in ihre Hand, und die Palme sollte dreizehn Jahre später, als der Leib dieser Braut des Herrn erhoben wurde, ganz unberührt und frisch im Sarge vorgefunden wurde.

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)

Totenbett der Therese von Lisieux

 
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