Samstag, 28. Oktober 2017

Letzte Exerzitien. - Hl. Elisabeth v.d. hlgs. Dreifaltigkeit (7/17) - Sechster Tag

„Und ich sah und siehe, ein Lamm stand auf dem Berg Sion und mit ihm hundertvierundvierzig Tausend, die seinen Namen und seines Vaters Namen auf ihren Stirnen geschrieben hatten. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel wie das Rauschen vieler Wasser und wie das Rollen eines starken Donners und die Stimme, die ich hörte, war wie von Harfenspielern ... sie sangen wie ein neues Lied vor dem Thron... und niemand konnte das Lied singen als jene hundertvierundvierzig Tausend, denn sie sind Jungfrauen.“ (Offb 14,1).

Es gibt Wesen, die hienieden schon zu diesem Geschlecht gehören, das so rein ist wie das Licht; jetzt schon tragen sie auf ihren Stirnen den Namen des Lammes und den seines Vaters. Den Namen des Lammes durch die Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit mit ihm, den Johannes „den Getreuen, den Wahrhaftigen“ [Offb 19,11] nennt, den er uns zeigt in blutgefärbtem Gewand. Auch diese sind die Getreuen, die Wahrhaftigen und ihr Gewand ist gefärbt mit dem Blut ihrer beständigen Hinopferung. „Den Namen seines Vaters“ tragen sie, weil in ihnen die Schönheit seiner Vollkommenheit erstrahlt; alle seine göttlichen Eigenschaften spiegeln sich ab in diesen Seelen und sind ebensoviele erzitternde Saiten, die das neue Lied singen. Sie folgen dem Lamm nicht bloß auf den breiten, leicht zu wandelnden Wegen, sondern auch auf dornigen Pfaden, durch das Gestrüpp des Weges; denn sie sind Jungfrauen, d. h. frei, abgesondert, losgeschält.

Frei von allem, außer von ihrer Liebe; abgesondert, getrennt von allem, besonders vom eigenen Ich; losgeschält von allen Dingen, nicht bloß der natürlichen, sondern auch der übernatürlichen Ordnung x . Welch ein Verlassen des eigenen Ich setzt das voraus! Welch ein Tod! „Täglich sterbe ich“ (1 Kor 15,31), sagt darum der heilige Paulus.

Der große Heilige schrieb an die Kolosser: „Ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.“ (Kol 3,3). So lautet die Bedingung. Man muss gestorben sein, sonst kann man wohl zu gewissen Stunden in Gott verborgen sein; aber man lebt nicht dauernd in ihm. Denn alle Empfindlichkeiten, alle Befriedigungen der Eigenliebe treiben die Seele aus diesem Leben in Gott wieder heraus. Die Seele, die ihren Meister betrachtet, mit jenem einfachen Auge, das den ganzen Leib erleuchtet, ist geschützt vor dem Abgrund der Bosheit, der in ihr ist. „Und er führte mich“, sagt der Psalmist, „ins Weite.“ (Ps 17, 26). Der Herr führt die Seele in seine Freiheit, wo alles rein, alles heilig ist.

O glückseliges Sterben in Gott, o süßes Verlieren seiner selbst, das dem Geschöpf erlaubt, auszurufen: „Mit Christus bin ich ans Kreuz geheftet! Ich lebe; doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber nun lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ (Gal 2,19).“

x D. h. die in Liebe entbrannte Seele überlässt sich ganz und gar ihrem göttlichen Bräutigam auch in Bezug auf seine Gnaden- und Liebeserweise und hegt keine eigenen Wünsche mehr.


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