Dienstag, 3. Oktober 2017

Von den letzten Tage im Leben der heiligen Therese von Lisieux und ihrem Sterben (3/5)

Und endlich brach sie an, die Morgenröte des Tages, der für Theresia jener Tag der Ewigkeit werden sollte, der keinen Abend kennt. Es war Donnerstag, den 30. September. Am Morgen sprach dieses Opfer der göttlichen Liebe noch mit uns von ihrer letzten im Tale der Verbannung verbrachten Nacht, und einen kurzen Blick auf die Mutter-Gottes-Statue werfend, sagte sie: „O, mit welcher Inbrunst habe ich sie angefleht, und doch bleibt mir der Todeskampf in seiner ganzen Bitterkeit ohne jeglichen Trost nicht erspart.

Das Irdische vergeht und verweht; wann werde ich das Wehen der linden Himmelslüfte kosten?

Um 2½ Uhr richtete sie sich plötzlich allein in ihrem Bette auf, was sie seit Wochen nicht mehr gekonnt, und rief aus: „O meine Mutter, der Kelch ist übervoll, niemals hätte ich geglaubt, daß es möglich ist, so viel zu leiden. Ich kann es mir nur daraus erklären, daß ich stets ein so außerordentliches Verlangen hatte, durch meine Leiden Seelen zu retten.

Einige Augenblicke später fügte sie hinzu: „O wie wahr ist alles, was ich je von meinem Verlangen nach Leiden geschrieben habe! –
O nein, ich bereue es nicht, mich ganz und gar der Liebe hingegeben  zu haben.“


Diese Worte wiederholte sie noch mehrmals und sagte dann: „Meine Mutter, bereiten Sie mich vor, gut zu sterben.

Die ehrwürdige Mutter Priorin tröstete sie und sagte: „Mein Kind, Sie sind wohl bereit, vor Gott zu erscheinen; denn Sie haben sich stets der wahren Demut des Herzens beflissen.“

Da gab sie sich selbst das Zeugnis: „Ja, ich fühle es, ich habe nie etwas anderes gesucht als die Wahrheit. – Ich habe erkannt, was es heißt, die Demut des Herzens zu üben.

Um 4½ Uhr stellten sich die untrüglichen Zeichen des letzten Todeskampfes ein. Als unsere engelgleiche Sterbende die Klostergemeinde sich versammeln sah, begrüßte sie dieselbe nochmals mit dem liebenswürdigsten Lächeln, dann nahm sie das Kruzifix fest in ihre erkaltenden Hände und schickte sich an, mutig den letzten Kampf auszufechten. Reichlicher Todesschweiß bedeckte ihr Antlitz, und sie begann zu zittern. Aber wie der Schiffer angesichts des rettenden Hafens auch mitten im tosenden Sturm den Mut nicht verliert, so tat auch diese glaubensstarke Seele, deren brechendem Auge bereits der strahlende Leuchtturm des seligen Gestades der ewigen Heimat winkte, mit todesmutiger Hand die letzten Ruderschläge, um ihre Barke zu bergen und fest zu verankern für immer und ewig.

(Aus: Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesu, Geschichte einer Seele von ihr selbst geschrieben, 4. Aufl., Kirnach-Villingen (Baden) 1922, S. 251ff.)

Sr. Therese vom Kinde Jesu und vom heiligen Antlitz. Karmelitin



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