Dienstag, 10. Februar 2015

Eine gewöhnliche Versuchung

Kaum hat man von der Ruhe und dem Glücke des geistlichen Lebens etwas zu genießen begonnen, so regt sich auch schon der Wunsch, es sollten alle Leute sich mit Eifer diesem Leben widmen. Dieses Verlangen ist zwar nicht unrecht; aber das Bestreben nach dessen Verwirklichung könnte übel ausfallen, wenn man nicht mit großer Klugheit zu Werke geht und nicht den Anschein vermeidet, als wolle man belehren. Wer in dieser Hinsicht einen Nutzen schaffen will, der muß in den Tugenden schon sehr erstarkt sein, um anderen keine Versuchung zu bereiten.

Auch darüber bin ich durch eigene Erfahrung belehrt, die ich damals machen mußte, als ich bemüht war, andere zur Übung des innerlichen Gebetes zu bewegen. Auf der einen Seite hörten mich diese großen Dinge von dem hohen Gute reden, das durch diese Übung erworben wird; auf der anderen Seite aber sahen sie mich selbst dabei so arm an Tugenden, und dies war Grund genug, dass sie durch mich in Versuchung und Verwirrung gerieten, wie sie selbst in der Folge mir bekannten. Sie wußten nämlich nicht, wie sich das eine mit dem anderen vertragen könne, und so kam es, dass sie das, was an sich böse war, nicht für böse hielten, weil sie es mitunter auch an mir gewahrten und deshalb meinten, es sei etwas Gutes.

Leben 124f

(338-20150210)

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