Mittwoch, 1. November 2017

Letzte Exerzitien. - Hl. Elisabeth v.d. hlgs. Dreifaltigkeit (11/17) - Zehnter Tag

„Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ (Mt 5,48). Wenn mein Meister mich diese Worte im Grund der Seele vernehmen lässt, so verstehe ich darunter sein Verlangen, dass ich gleich dem Vater in einer ewigen Gegenwart lebe, ohne „Vorher“, ohne „Nachher“, in einem ewigen „Jetzt“.

Was ist dieses „Jetzt“? David antwortet mir: „Man wird ihn immer um seiner selbst willen anbeten.“ [nach Ps 71,15]. Das ist die ewige Gegenwart, in der ein „Lob seiner Herrlichkeit“ verbleiben soll. Aber damit die Seele in Wahrheit anbete, muss sie auch sagen können: „Um seiner Liebe willen habe ich alles dahingegeben!“ d. h. um ihn immer anbeten zu können, habe ich mich vereinsamt, getrennt, entblößt von mir und allen Dingen, sowohl der natürlichen, wie der übernatürlichen Ordnung, auch losgeschält von den Gaben Gottes. Denn eine Seele, die nicht von sich selbst frei ist, wird notwendig zu manchen Zeiten ein ganz natürliches, nichtssagendes Leben führen, unwürdig einer Tochter Gottes und Braut Christi, eines Tempels des Heiligen Geistes.

Um sich vor diesem rein natürlichen Leben zu bewahren, muss die Seele ein inniges Glaubensleben führen im beständigen Hinblick auf den Meister. Dann wird sie wandeln „inmitten seines Hauses“. Sie wird immer Gott anbeten um seiner selbst willen und nach seinem Vorbild leben, im ewigen „Jetzt“, in dem er selbst lebt.

„Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ „Gott“, sagt Pseudo-Dionysius, „ist der große Einsame.“ Der Meister verlangt von mir, dass ich diese Vollkommenheit nachahme, dass ich ihm huldige, indem ich auch eine große Einsame werde. Das Verweilen in diesem inneren Schweigen wird fort und fort bedingt durch Einsamkeit, Trennung, Losschälung. Wenn meine Wünsche, Befürchtungen, Freuden und Schmerzen, wenn alle inneren Bewegungen nicht vollkommen auf Gott hingeordnet sind, dann bin ich nicht einsam, dann ist die Welt in meiner Seele.

„Höre Tochter und schau und neige dein Ohr, vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters, so wird der König nach deiner Schönheit verlangen.“ (Ps 44,11f). Dieser Ruf ist eine Einladung zum Schweigen. „Höre ... neige dein Ohr“ ... d. h. um zu vernehmen. Du musst das Haus deines Vaters vergessen, nämlich alles, was mit dem natürlichen Leben zusammenhängt, von dem der Apostel spricht: „Wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben.“ (Röm 8,13).

Sein Volk vergessen ist schwerer, denn das umfasst unsere ganze, innere Welt: Gefühle, Empfindsamkeit, Erinnerungen, Eindrücke etc., kurz um das „Ich“. Und das muss man vergessen und verlassen. Hat die Seele das getan, hat sie auf alle diese Dinge verzichtet, dann ist der König gefangen von ihrer Schönheit; denn die Schönheit ist die Einheit mit Gott.


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