Dienstag, 7. Juli 2015

Wichtige Unterscheidung

Meines Erachtens kann man es wohl unterscheiden, ob die Ruhe und Süßigkeit der Seele vom Geiste Gottes herrührt oder ob sie nur die Frucht unserer eigenen Bemühungen ist, wenn wir uns nämlich von jener anfänglichen Andacht, die Gott uns verleiht, zu dieser Ruhe des Willens erheben wollen.

In diesem Falle ist sie ohne alle Wirkung, endet bald und lässt nur Trockenheit des Geistes zurück.

Ist es aber der Teufel, der die Seele in einen derartigen Zustand versetzt, so wird sie es, wenn sie Erfahrung hat, meiner Ansicht nach gleichfalls merken. Denn sie hinterlässt nur Unruhe, geringe Demut und wenig Befähigung für die Wirkungen, die der Geist Gottes hervorbringt. Die Seele bleibt ohne Licht im Verstande und ohne Befestigung in der Wahrheit.

Leben 145f

(433-20150707)


Montag, 6. Juli 2015

Der Wille verharrt in Ruhe

Der Verstand regt sich auch, um eine recht schön geordnete Danksagung darzubringen; aber der Wille, der in seiner Ruhe verharrt und mit dem Zöllner es nicht wagt, die Augen zu erheben, dankt eben dadurch weit besser, als der Verstand es vermöchte, auch wenn er die Rhetorik nach allen Seiten hin in Anwendung brächte. Endlich ist hier das innerliche Gebet nicht ganz zu unterlassen, und man darf auch einige Worte mit dem Munde aussprechen, wenn man will und es zu tun imstande ist. Denn bei tiefer Ruhe kann man kaum und nur mit großer Beschwerde sprechen.

Leben 145

(432-20150706)


Samstag, 4. Juli 2015

Sich als das erkennen, was wir sind.

Vor der unendlichen Majestät selber gilt ein bisschen Studium der Demut, ja ein einziger Akt dieser Tugend, mehr als alle Wissenschaft der Welt. Da handelt es sich nicht darum, Beweise zu führen oder Folgerungen zu ziehen. Da sollen wir nur uns aufrichtig als das erkennen, was wir sind, und in Einfalt vor Gott verweilen, der da will, dass die Seele, wie sie es vor seiner Gegenwart in Wahrheit auch ist, sich zur Törin mache. Lässt sich ja die göttliche Majestät selbst so sehr herab, dass sie die Seele trotz all ihrer Armseligkeit neben sich duldet.

Leben 145

(431-20150704)


Freitag, 3. Juli 2015

Ungestörte Ruhe

Man soll zur Zeit des Ruhegebetes die Seele ungestört ihrer Ruhe lassen und die Wissenschaft beiseitesetzen. Es wird schon die Zeit kommen, in der die Gelehrten dem Herrn damit dienen können. Dann werden sie dieselben so hoch schätzen, dass sie ihrer um keinen Preis der Welt entbehren möchten, nur allein um der göttlichen Majestät damit zu dienen; denn dazu hilft sie viel.

Leben 145

(430-20150703)


Donnerstag, 2. Juli 2015

Aufgabe der Gelehrten

Zum Predigen und zur Unterweisung anderer mögen sich diese Gelehrten immerhin des Schatzes ihrer Wissenschaft bedienen. Denn da ist es gut, um armen Unwissenden, wie ich eine bin, zu helfen. Ja, es ist etwas Großes um die Liebe und die stete Förderung der Seele, wenn man dabei rein um Gottes willen zu Werke geht.

Leben 145

(429-20150702)


Mittwoch, 1. Juli 2015

Wissenschaft – Ruhegebet

Den Gelehrten wird die Wissenschaft vorher und nachher immerhin sehr nützlich sein. Zur Zeit des Ruhegebetes aber ist sie ihnen meines Erachtens wenig notwendig und dienst nur dazu, die Glut des Willens abzukühlen.

Denn hier ist der Verstand, weil so nahe beim Lichte, von einer solchen Klarheit durchströmt, daß selbst ich, die ich doch so unwissend bin, eine andere zu sein scheine.

So verstehe ich von dem, was ich in lateinischer Sprache, besonders aus den Psalmen rezitiere, fast nichts, und doch ist es mir während des Gebetes der Ruhe schon begegnet, daß ich den Vers, wie er in der Muttersprache lautet, verstanden und noch obendrein den darin enthaltenen Sinn mit Süßigkeit gekostet habe.

Leben 144

(428-20150701)


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