Freitag, 7. März 2014

Die Vision

Einstmals befand ich mich eben in der Unterhaltung mit einer Person, die ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte, als mich der Herr davon überzeugen wollte, dass solche Freundschaften unpassend für mich wären; zugleich wollte er mich warnen und mich in meiner so großen Blindheit erleuchten.

Es erschien vor mir Christus mit sehr ernstem Antlitz und gab mir zu verstehen, dass ihn so etwas verdrieße.

Ich sah ihn mit den Augen der Seele, und zwar viel deutlicher, als ich ihn mit leiblichen Augen hätte sehen können. Seine Gestalt blieb mir so tief eingeprägt, das es mir jetzt, nach mehr als sechsundzwanzig Jahren noch immer ist, als sähe ich ihn gegenwärtig.

Ich war darüber sehr erschrocken und bestürzt und wollte mit der Person, mit der ich mich unterhielt, nicht mehr verkehren.

Leben 74f

(131-20140307)



Donnerstag, 6. März 2014

Unterhaltung mit weltlichen Personen

Als ich mich mit ihnen einzulassen begann, meinte ich nicht, dass sie in der gebräuchlichen Art, wie ich sie sah, meiner Seele einen so großen Nachteil und so viele Zerstreuungen bringen würden, wie ich dies später erkannt habe.

Ich glaubte, ein so allgemeiner Gebrauch, wie die in vielen Klöstern üblichen Besuche auswärtiger Personen, könnte mir auch nicht mehrschaden als den übrigen, die mir als tugendhafte Nonnen bekannt waren. Dabei beachtete ich jedoch nicht, dass jene viel besser waren als ich und dergleichen Besuche für sie keine so große Gefahr mit sich brachten wie für mich. Denn einige Gefahr fürchtete ich immerhin, und bestände auch der Schaden, den sie bringen, in nichts anderem als in bloßem Zeitverlust.

Leben 74

(130-20140306)



Mittwoch, 5. März 2014

Übel der Kirche

Sie müssen mehr Vorsicht und Verdeckungskunst anwenden, wenn sie von der Freundschaft sprechen wollen, die sie mit Gott zu unterhalten verlangen, als wenn sie von anderen Freundschaften und Zuneigungen redeten, die der Teufel in den Klöstern einführt.

Ich begreife nicht, wie wir uns noch darüber wundern mögen, dass es in der Kirche so viele und große Übel gibt, wenn sogar jene, die allen übrigen als Tugendmuster hätten dienen sollen, das Werk, das der Geist der Heiligung vergangener Zeiten in den Ordensständen hinterlassen hat, so gründlich zerstört haben.

Möge es der göttlichen Majestät gefallen, diesem Unheile abzuhelfen, wie sie es für notwendig erkennt! Amen.

Leben 74

(129-20140305)



Dienstag, 4. März 2014

Mehr die eigenen Leute fürchten

Um unserer Sünden Willen geschieht es, dass der unvollkommenere Weg mehr gegangen und darum auch mehr begünstigt wird.

Dagegen wandeln auf dem Wege wahrer klösterlicher Vollkommenheit so wenige, dass ein Ordensmann oder eine Nonne, die ernstlich beginnen wollen, ihrem Berufe vollständig nachzukommen, die eigenen Hausgenossen mehr zu fürchten haben als alle höllischen Geister zusammengenommen.

Leben 74

(128-20140304)



Montag, 3. März 2014

O schreckliches Übel,

. . . schreckliches Übel, wenn in den Ordenshäusern – der Männer nicht minder wie der Frauen – die Ordenszucht nicht beobachtet wird. Wenn in einem Kloster zwei Wege sind, der Weg der Tugend und der Weg der klösterlichen Zucht und der Weg der Erschlaffung dieser Zucht, und wenn beide Wege fast gleichmäßig betreten werden!

Doch was sage ich, gleichmäßig?
Nein, nicht gleichmäßig.

Leben 73f

(127-20140303)



Samstag, 1. März 2014

Wie unglückliche Ketzer

In dieser Hinsicht kommen sie mir vor wie unglückliche Ketzer. Gleich diesen wollen auch sie blind sein und sich einreden, das, was sie tun, sei gut, und sie seien davon überzeugt, während sie es in Wahrheit doch nicht sind, da eine innere Stimme ihnen zuruft, dass ihre Handlungsweise böse ist.

Leben 73

(126-20140301)



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